Die Entstehung des Landschaftsgarten zu Machern - Seite 2

Behrisch, dessen pädagogische Fähigkeiten später, wiederum durch die Vermittlung von GelIert, am Hof des Fürsten von Anhalt-Dessau mehr Würdigung erfuhren, wurde im Oktober 1767 entlassen. Doch der nachfolgende Erzieher des jungen Grafen, Ernst Theodor Langer (1743-1820), suchte ebenfalls den Kontakt zu Goethe und blieb diesem viele Jahre freundschaftlich verbunden. Auch darüber berichtete Goethe:

Ich fand mich diesem bedeutenden Manne um so mehr verpflichtet, als mein Umgang ihn einiger Gefahr aussetzte: denn als er nach Behrisch die Hofmeistersteile bei dem jungen Grafen Lindenau erhielt, machte der Vater dem neuen Mentor ausdrücklich zur Bedingung, keinen Umgang mit mir zu pflegen. Neugierig, so ein gefährliches Subjekt kennenzulernen, wußte er mich mehrmals am dritten Ort zu sehen. Ich gewann seine Neigung, und er, klüger als Behrisch, holte mich bei Nachtzeit ab, wir gingen zusammen spazieren, unterhielten uns von interessanten Dingen, und ich begleitete ihn endlich bis an die Tür seiner Geliebten...

In Gesellschaft von Langer, Goethe und Karl August von Hardenberg, dem späteren preußischen Staatskanzler, von dem noch die Rede sein wird, nahm der junge Lindenau Unterricht an der Zeichenakademie unter Adam Friedrich Oeser, die sich im Westflügel der Pleißenburg in Leipzig, an der Stelle des heutigen Neuen Rathauses befand. Nach einer Überlieferung im Pfarrarchiv soll Goethe später noch einmal Machern besucht und seinen Schriftzug in der Ritterburg hinterlassen haben. Gelegenheit dazu hätte er während seiner Aufenthalte in Leipzig zum Jahreswechsel 1796/97 oder im Frühjahr 1800 gehabt, jedoch ist hierüber nichts überliefert.

Nach den Leipziger Studien ging Carl August von Lindenau unter anderem an die von seinem Vater 1780 gegründete Tierarzneischule in Dresden, eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland, und trat später in sächsische Militärdienste. 1786 wurde er, gemeinsam mit dem Grafen Carl von Brühl, von König Friedrich Wilhelm II. an den preußischen Hof berufen. Die Besetzung wichtiger höfischer Positionen durch sächsische Adlige erregte - nur wenige Jahre nach dem Siebenjährigen Krieg - viel Unmut unter den dortigen Hofleuten. Zustande kam dies nicht zuletzt auf Betreiben von Hans Rudolf von Bischofswerder (1740-1803), einem überzeugten Freimaurer und Rosenkreuzer, der bereits früher in preußische Dienste getreten war und sich mit sächsischen Landsleuten und Gesinnungsgenossen umgeben wollte. Die Familien von Bischofswerder und Lindenau müssen sich schon seit längerer Zeit näher gekannt haben, denn bereits 1741 wird in den Macherner Kirchenbüchern der Vater, Hans Rudolf von Bischofswerder, als Pate bei einer Taufe aufgeführt. Bischofswerder, der unter Friedrich Wilhelm II. zum Generaladjudant avancierte, war vor seiner preußischen Karriere u.a. Stallmeister des Grafen von Kurland gewesen, dessen okkulte Sitzungen, bei denen der Leipziger Kaffeehauswirt, Wunderheiler und Geisterseher Johann Georg Schrepfer (1730-74) eine wichtige Rolle spielte, uns in den ,Jugenderinnerungen eines alten Mannes” von Wilhelm von Kügelgen geschildert werden. Der Überlieferung nach soll Bischofswerder von Schrepfer, der sich 1774 im Leipziger Rosenthai in dessen Beisein erschossen hatte, geheimnisvolle Apparaturen übernommen haben.

Theodor Fontane berichtet darüber in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg”:

Es ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß Bischofswerder ein Rosenkreuzer war, daß er mehr als einmal in Berlin im Palais der Lichtenau, in Sanssouci in einem am Fuß der Terrasse gelegenen Hause, endlich im Belvedére zu Charlottenburg wirklich ‚Geister‘ erscheinen ließ und daß er bis zuletzt in seinen Glauben an alchimistische und kabbalistische Vorgänge aushielt.

Lindenau, der aller Wahrscheinlichkeit nach zu den engsten Vertrauten von Bischofswerder gehörte, bekam bereits 1789 das Amt des preußischen Oberstallmeisters übertragen. In dieser Funktion gelang es ihm durch großes Engagement, die preußische Pferdezucht und das Gestütswesen entscheidend zu reformieren. Daß er - wie schon sein Vater ein Jahrzehnt früher in Dresden - 1790 in Berlin eine Tierarzneischule gegründet hat, davon war bereits die Rede. Schon vor seiner Berufung nach Preußen hatte der Graf mit der Anlage des Macherner Gartens begonnen. Von der Anfangszeit berichtet eine Urkunde vom 1. Mai 1792, die sich nun wieder im Knopf der Schloßturmhaube befindet:

Die erste Anlage des Gartens mit Anpflanzung meist ausländischer Pflanzen und Hölzer, ward im Jahre 1782 angefangen, und bis mit dem Jahre 1785 ward die sogenannte Plantage mit dem Schneckenberge das Wäldchen worinnen das kleine Monument befindlich welches der Herr Graf Ihrer Hochsel. Frau Mutter gewidmet haben, und in der sogenannten Hölle wurden in dem wilden Busch-Holze Wege abgetheilt, und darin verschiedene fremde Hölzer mit angepflanzet. Die Bäume wurden theils von Leipzig, Zerbst, Dreßden, Wölckau, Zscheplin und sogar aus England herbei geschafft. In diesem Jahre wurden auch eigene große Pflanzenschulen von fremden Holz-Saamen angelegt, aus welchen nun auch bey den neuen Anpflanzungen in den Jahren 1790, 1791 und 1792 viele Hölzer mit großen Vortheil verwendet worden sind. Vom Jahre 1786 bis 1790 ward weiter nichts neues angelegt, als daß die Baumschulen gut erhalten und erweitert worden. Allein seit diesen Jahren sind viele Anpflanzungen in der neuen Anlage des sogenannten Gründchens (am Nordufer des Schwemmteiches - K.F), welcher Platz mehrentheils von den Bauern dazu angekauft ist, vorgenommen, welches Pflanzholz, außer dem eigenen Zuwachs, von Weimar, Harbke, Merseburg, Lichtenburg und Leipzig, erkauft worden. Auch haben der Herr Graf bei Ihrer diesjährigen Reise nach England von daher Pflanzen und auch viele Sämereien verschiedener Holzarten anhero geschickt, welche zu künftigen Anpflanzungen dienen sollen.

Als gräfliche Gärtner werden in der Urkunde Johann Gottfried Nehring und dessen Sohn Johann Christian Nehring aufgeführt, die dann wohl um 1795 durch Johann Friedrich Gerstenberger im Amt abgelöst worden sind. Desweiteren berichtet die Urkunde, daß 1791 an der Stelle des abgebrochenen alten Brauhauses am Schloßhof ein Sitzplatz und eine kleine Gartenpartie angelegt wurden. Im gleichen Jahr entstand ein Kanal, der den Lehmgrubenteich mit dem Schwemmteich verband.

Den Kanal überspannte die filigrane “Gothischen Brücke”, von der sich dem Betrachter ein eindrucksvoller Blick über das Gewässersystem zum Schloß, Kirchturm, Hygieia - Tempel und zu verschiedenen Statuen am Ufer bot. Wie im Zitat bereits anklang, reiste Lindenau zu Beginn des Jahres 1792 in dienstlichen Geschäften nach England, wo er u.a. in London den Herzog von York aufsucht, dessen Gattin eine Tochter des preußischen Königs war. Es kann als ziemlich sicher gelten, daß Lindenau auf dieser Reise in das Mutterland des Landschaftsgartens verschiedene Anregungen auf gartenkünstlerischem Gebiet erhielt. Folgerichtig waren danach verstärkte Aktivitäten bei der Ausgestaltung des Macherner Gartens zu verzeichnen. In der zweiten Hälfte des gleichen Jahres nahm Lindenau im preußischen Invasionsheer unter Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig am Feldzug gegen die französische Revolutionsarmee teil, wobei die Preußen bei der Kanonade von Valmy eine empfindliche Niederlage hinnehmen mußten, die Revolutionstruppen hingegen einen bedeutenden Sieg feiern konnten. In Valmy könnte es auch zu einem Wiedersehen mit Goethe gekommen sein, der im nachhinein den Ausgang der Schlacht mit den Worten charakterisierte:

Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus.

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