Die Entstehung des Landschaftsgarten zu Machern - Seite 3

Sicherlich haben die Ereignisse der Französischen Revolution die ohnehin philosophisch-politische geprägte Landschaftsgartenbewegung mit beeinflußt. So scheint in diesem Jahr für den Macherner Garten eine Zäsur gesetzt worden zu sein, die u.a. eine verstärkte Hinwendung zu den “Tugenden und Idealen” des Mittelalters mit sich brachte. In gleichen Jahr 1792 wurde auch die erste Publikation zum Garten - “Sechs mahlerische Ansichten vom Garten zu Machern bei Leipzig” - im Verlag Voß & Co. veröffentlicht. Sie umfaßte Entwürfe zu Gartenstaffagen, die sämtlich von dem Leipziger Architekten Karl August Benjamin Siegel (1757-1832) stammten, in Machern aber nie in dieser Form realisiert wurden. Der erste Führer, der in Text und Bild wirklich die Macherner Anlagen wiedergab und auch eine Liste der vorhandenen Pflanzenarten enthielt, erschien 1796 in Leipzig: “Für Freunde der Natur und Gartenkunst, mit einem Plan und elfcolorirten Prospecten”. Textautor war Paul Christian Gottlob Andreae. Die elf kolorierten Abbildungen stammten von dem “Conducteur” J.E. Lange aus Leipzig, der 1795 auch den einzigen ausführlichen Gartenplan zeichnete, der dem Heft beigefügt wurde. Die Zeichnungen von Lange waren jedoch derart unbeholfen und schlecht, daß - nachdem auch die 1796 von H.G. Döring angefertigten Abbildungen nicht gefielen - 1797 durch Christian Ferdinand Müller vierzehn neue Stiche geliefert wurden. 1798 erschien auch ein neuer Text, die bereits erwähnte “Spazierfahrt nach Machern...” von einem unbekannten Autor.Die fundierteste Schrift dieser Art wurde jedoch im Jahre 1799 in der Naukschen Buchhandlung Berlin aufgelegt: “Die Beschreibung des Gartens zu Machern mit besonderer Rücksicht auf die in demselben befindlichen Holzarten”, aus der wir einleitend schon zitiert haben. Wiederum wurden hierzu Kupferstiche angefertigt, die diesmal Johann Gottfried Klinsky und Johann Adolph Darnstedt besorgten. Wertvoll an dieser Beschreibung sind die im Text eingefügten und nach Gartenszenen aufgeschlüsselten Angaben zur Bepflanzung sowie die Entwürfe zur Ritterburg, zu dem Bauernhaus und dem Hygieia- Tempel. Verfasser dieses Heftes war der unter Lindenaus Leitung am preußischen Oberhofmarstall als Architekt tätige Ephraim Wolfgang Glasewald (1753-1817). Glasewald, der ab 1811 den Titel eines preußischen Hofbaumeister tragen durfte, wurde im ereignisreichen Jahr 1792 mit der Aufgabe betraut, verschiedene neue Gartengebäude zu entwerfen und deren Bauausführung zu überwachen.

So wurden 1792 ein neues Orangeriegebäude, das Bauernhaus, das auf einer Vorlage in Hirschfelds “Theorie der Gartenkunst” beruht, sowie die “Wilhelmsruhe”, deren Benennung von einem Besuch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. am 10. Juli des gleichen Jahres herrührt, errichtet. Desgleichen ist mit dem Bau der Pyramide begonnen worden, die als gräfliches Mausoleum fungieren sollte, jedoch nie als solches genutzt wurde. Ein raffiniertes System von versteckten Öffnungen zwischen dem Innenraum und der darunterliegenden Gruft sowie zwei seitlichen Gängen ermöglichte wohl freimaurerisch-rosenkreuzerische Rituale. Eine ähnliche Disposition soll übrigens, nach der Beschreibung Fontanes, auch die sogenannte Grotte im Garten zu Marquardt besessen haben, seit 1795 Besitz von Rudolf von Bischofswerder. - Betrachtet man das skurrile Wegesystem um die Pyramide in Machern genauer, so erkennt man darin die Form des Skarabäus.

1795/96 entstand - ebenfalls unter Glasewalds Leitung und nach seinen Entwürfen - die Ritterburg, das bemerkenswerteste Bauwerk des Gartens. Sie wurde an der nordöstlichsten und höchst- gelegenen Stelle im Garten eingeordnet und beherrscht wie eine Bastion die umgebende Landschaft. Wie die “Wilhelmsruhe” und die Schießwand war sie als künstliche Ruine errichtet, die die Phantasie der Besucher anregen und die emotionale Wirkung der entsprechenden Gartenszene steigern sollte. Doch auch sie diente mit großer Wahrscheinlichkeit freimaurerischer Riten, indem sie vermutlich einen Prüfungsweg beherbergte, auf dem der Prüfling einen langen, dunklen Gang passieren und verschiedene Proben bestehen mußte, um schließlich auf der obersten Aussichtsplattform zum “Licht”, d.h. zur Erkenntnis zu gelangen. Ob diese Nutzung auch der Grund dafür war, daß es - anders als in vielen anderen Landschaftsgärten der Zeit - der ausdrückliche Befehl des Grafen war, daß (n)ur des Sonntags, und nicht in den Wochentagen ... und nur in Begleitung der Gärtner der Macherner Garten besucht werden konnte, wissen wir nicht. Den Abschluß der baulichen Aktivitäten unter dem Grafen Lindenau bildete der 1797 wiederum nach Glasewalds Entwurf ausgeführte Tempel der Hygieia, dessen Formensprache sich von der Gestaltung der anderen Gartenstaffagen abhebt. Die durch Lindenau neu geschaffenen Pflanzungen des Gartens zeichneten sich durch eine Vielzahl seltener Arten aus, wobei die in jener Zeit neu aus Nordamerika eingeführte Pflanzen dominierten. Desweiteren wurden viele Heil- und Nutzpflanzen kultiviert. Lindenau wird auch von seinen Dienstreisen, die ihn u.a. nach Ungarn, Österreich, Siebenbürgen, Polen und Litauen führten, Pflanzen mit nach Machern gebracht haben. Dazu heißt es in einer der Gartenbeschreibungen:

Die verschiedenen Gruppen von Bäumen und Gebüschen sind mit ungemeiner Sorgfalt und Kenntnis der Botanik gewählt. Man hat dabei auf die verschiedenen Jahreszeiten Rücksicht genommen, und die mannigfaltige Mischung des Laubes und der Blüthen bringt eine malerische Wirkung hervor...

Vielleicht konnte Lindenau bei der Pflanzenwahl auch von den vielfältigen botanischen Kenntnissen seines Schwagers, August Friedrich von Veltheim (1747-1801), profitieren, der in Harbke einen berühmten Garten besaß. Pflanzenlieferungen aus Harbke sind jedenfalls für den Macherner Garten belegt, wie uns die oben angeführte Urkunde berichtet. Doch führte die botanische Sammelleidenschaft in Machern auch dazu, daß - wie Glasewalds Beschreibung genau wiedergibt - eine Unmenge verschiedenster Pflanzen auf engem Raum angeordnet wurden, was bei heutigen Gärtnern nur ein Kopfschütteln hervorrufen kann. Vielleicht ist ein Grund hierfür u.a. darin zu suchen, daß die Eigenschaften der neuen Pflanzen hierzulande noch relativ unbekannt waren und in ihrem Verhalten, ihren Standortansprüchen und nicht zuletzt in ihrem Nutzen für die Gutswirtschaft zunächst einmal getestet werden mußten. Welchen Anteil die Gräfin, Christiane Henriette geb. von Arnim (1762-1833) aus dem Hause Gröba, deren Schwester Ottilie die Gattin des Grafen Veltheim war, bei der Anlage des Gartens hatte, ist nicht genau bekannt. Es scheint, als ob ihr Reich mehr die dem Thema “Liebe” gewidmeten Anlagen um Schloß und Schwemmte ich waren. So würdigt eine 1796 in Leipzig erschienene Dichtung (“Die Gärten. Ein Lehrgedicht in vier Gesängen” von Chr.F.T. Voigt) die Tätigkeit der Gräfin im Garten:

... Schön wie die Rosenwange,
Der Pflegerin, wie sie beym Grillenfange
Der Einsamkeit, beym heißen Drange
Nach ihm, der auch entfernt dem Vaterlande nützt,
Romantisch schön - blüht Machern dem Gestade
Der nahen Mulde zu.

Ob folgender, in der “Spazierfahrt...” aufgeführter und Christoph Martin Wieland zugeschriebener Vers wirklich der Macherner Gräfin gewidmet war, wissen wir nicht:

0 Gräfin, fahre fort, aus deinem schönen Hain
Dir ein Elysium zu schaffen.
Was hold den Musen ist, soll hier willkommen seyn;
Doch allen, die in Deine Wildniß gaffen,
Und nichts darin als - Bäume sehn,
Sey deine Luft zu rein.

Eine Verbindung zum Weimarer Hof gab es wohl, ob Goethe dabei eine Rolle gespielt hat, ist nicht überliefert. Im August 1789 schrieb Herzog Carl-August von Sachsen-Weimar an den Grafen Lindenau (Sammlung Hirzel, Universitätsbibliothek Leipzig): Der Frau Gräfin bitte ich mich zu gnaden zu empfehlen, und ihr auf künftiges Frühjahr das Ruhlaer Bad im Eisenachischen gelegen vorzuschlagen, welches die Eigenschaft hat, die Weiber auch ohne Bemühen des Mannes fruchtbar zu machen, da ich wegen andrer Ursachen dieses Bad zur selbigen Zeit zu gebrauchen denke, so erbitte ich meine geringen Dienste bey dieser Gelegenheit, um der Frau Gräfin ... alle Bequemlichkeiten zu verschaffen deren meine Heimat fähig ist. - Geholfen hat dieser zweifelhafte Vorschlag allerdings nichts, denn die Ehe blieb kinderlos, und die gräfliche Linie der Lindenaus starb aus. Bei all dem Engagement, die der Graf Lindenau und seine Gattin dem Macherner Garten und seinen aufwendigen Bauten angedeihen ließen, verwundert es sehr, daß sie hier nicht ihren Lebensabend verbrachten, sondern 1802 das Rittergut verkauften. Bereits 1796, die Ritterburg war gerade fertiggestellt, hatte der Graf Klein-Glienicke auf dem “Stolper Werder” bei Potsdam erworben und dort ebenfalls Um- und Neugestaltungsmaßnahmen an Schloß und Garten vorgenommen. In diesem Zusammenhang wurden auch viele Pflanzen von Machern nach Glienicke gebracht. Über die Gründe, die Lindenau bewogen haben, seinen jahrhundertealten Familienbesitz zu veräußern, lassen sich nur Spekulationen anstellen. Finanzielle Zwänge dürften wohl kaum die Ursache gewesen sein, hatte doch Lindenau bereits 1803 wiederum ein neues Gut, Büssow in der Neumark, erworben, dessen Kaufpreis in etwa dem Erlös von Machern entsprach. Sicherlich spielten politische Gründe eine gewichtige Rolle. So verfolgte Lindenau wohl das Ziel, sich näher an Preußen und das Königshaus zu binden, wovon er sich einige Vorteile versprach. Eine Ursache könnte aber auch darin zu suchen sein, daß sich der Graf nicht mehr mit Form und Inhalt seiner Macherner Gartenschöpfung identifizieren konnte. Der Versuch, in Büssow eine Musterwirtschaft zu errichten, schlug allerdings fehl und brachte, wie auch die schwierige wirtschaftliche Situation in jener Zeit, schmerzliche finanzielle Verluste. So mußte sich Lindenau schweren Herzens zum Verkauf von Glienicke entschließen, der nach mehreren erfolglosen Versuchen 1812 zustande kam. Nachdem das Gut zwei Jahre im Besitz eines Kaufmanns mit Namen Rosentreter war, erwarb es im Jahre 1814 der Staatskanzler Karl August von Hardenberg, mit dem Lindenau mehr als vier Jahrzehnte zuvor die Leipziger Universität und Zeichenakademie besucht hatte. Hardenberg, der sich bereits vorher, noch unter Lindenau, zeitweise in Klein-Glienicke eingemietet hatte, ließ nun größere Umgestaltungen durch den damals noch jungen Gartenarchitekten Peter Joseph Lennè vornehmen. Übrigens wurde Graf Hardenberg 1817 der Schwiegervater des großen “Parkomanen” Fürst Hermann Pückler von Muskau, der ebenfalls Ideen für die Umgestaltung des Glienicker Gartens lieferte.Doch - Pückler-Muskau und Lenne - die beiden großen, wenngleich sehr verschiedenen Meister ihres Faches, verkörpern bereits die nächste Generation der Gartenkünstler... - 1817 veräußerte Graf Lindenau auch das Gut Büssow, um seinen Lebensabend auf seinem letzten Gut Bahrensdorf bei Beeskow, zu verbringen, wo er 1842, neun Jahre nach seiner Frau, im Alter von 87 Jahren starb. Machern war in jener Zeit, nach dem es vorübergehend einer Freiherrenfamilie von Wylich gehört hatte, im Besitz des Leipziger Kaufmann Gottfried Wilhelm Schnetger, der das Rittergut 1806 erwarb. Im vorhergehenden Kapitel unseres Buches war davon sowie von Schnetgers Werdegang und Wirken schon die Rede. Hier sei also nur angefügt, daß Schnetger, der sich vor allem um die Macherner Gutswirtschaft verdient gemacht hat, im Park nur wenig verändern ließ. Lediglich der Agnes- Tempel am Nordufer des Schwemmteiches ist den vorhandenen Gartenstaffagen hinzugefügt worden. Folgenreich jedoch für den Park wurde, wie schon dargelegt, der sich zu Schnetgers Zeit vollziehende .Eisenbahnbau, der den Wallteich um das Schloß trocken fallen ließ. In diesem Zusammenhang erhielt dieser Bereich eine neue Gestaltung. Nicht unerwähnt soll hier der Anteil Schnetgers an der Ausgestaltung des Leipziger Promenadenringes bleiben. Neben vielen Lieferungen von Gehölzen aus der Macherner Baumschule, so 1812 für die Promenadenanlagen vor der Thomaskirche oder 1826 von ,,3 Schock Ahornbäumen” für die Pflanzungen auf dem Augustusplatz, initiierte er auch den Bau des Denkmals für den Bürgermeister Carl Wilhelm Müller (1728-1801), dem Schöpfer der Leipziger Promenadenanlagen, das heute noch vis-à-vis dem Hauptbahnhof jeden in Leipzig ankommenden Bahnreisenden begrüßt. 1858 übernahm sein Sohn Eduard Wilhelm Schnetger (1799-1873) das Rittergut, der es seinerseits 1873 wiederum an seinen Sohn Eduard Schnetger (1825-1903) übergab. Dieser verkaufte 1891 das bis dahin zum Macherner Besitz gehörige Rittergut Zeititz an den Kammerherrn von Arnim. 1903 kam die Macherner Gutsherrschaft an den Erben Paul Schnetger (1859-1952). Um das Jahr 1930 wurden im Rahmen von größeren Grundstücksverkäufen die Flurstücke um den Mühlteich und der Standort des Monuments vom Park getrennt. In der Folgezeit gingen viele der Gartengebäude durch Vernachlässigung und mutwillige Zerstörung verloren, obwohl sich auch stets Gartendenkmalpfleger und engagierte Bürger um den Erhalt dieses wertvollen Denkmals der Gartenkunst bemühten. 1978 wurden - dies sei nochmals beklagt - ein neues Schulgebäude und ein Sportplatz im Bereich der Wallwiesen sowie auf Teilen des Eremitagewäldchens errichtet, wodurch der Raumeindruck des Gartens empfindlich gestört worden ist. Ab 1986 übernahm die in jenem Jahr neu gegründete Parkdirektion die Restaurierung des Schlosses und des Gartens. Ihre Aufgabe war es unter anderem, das historische Raumgefüge des Gartens in einigen Bereichen nachzuempfinden, historische Blickbeziehungen wieder zu öffnen, Pflanzungen nach historischen Vorbild anzulegen, die Gartengebäude zu restaurieren und die Ausstattung mit Plastiken wieder zu ergänzen. Hoffen wir, daß diesem wichtigen Gartenkunstwerk vor den Toren Leipzigs auch in Zukunft eine seiner Bedeutung gemäße Pflege und Aufmerksamkeit zuteil wird.